Kämpfe um Zeit – Ein Diskussionsabend

Podiumsdiskussion mit:

Prof.‘in Dr. Nicole Mayer-Ahuja
(Arbeitssoziologin, Universität Göttingen)

Stefan Sachs
(Bevollmächtigter IG Metall Mittelhessen)

Rolf Müller
(ehem. Betriebsratsvorsitzender Klinikum Fulda, heute pol. Sekretär beim DGB)

Ort:
Caricatura Bar, Kulturbahnhof Kassel, Rainer-Dietrichs-Platz 1

Uhrzeit:
Einlass: 18:30 Uhr
Beginn: 19:00 Uhr

Veranstaltet von:
4-Stunden-Liga – Sektion Kassel
ver.di Nordhessen, Fachbereich C

Die Frage der Arbeitszeit ist und bleibt umkämpft. Während die Gewerkschaften in den letzten Jahren neue Arbeitszeitmodelle auf den Weg gebracht haben und die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung nach Jahrzehnten wieder Eingang in tarifpolitische Auseinandersetzungen gefunden hat, erklärt der Arbeitgeberpräsident kürzlich die „fetten Jahre“ für beendet und fordert die 42-Stunden-Woche. Auch FDP-Chef Christian Lindner und der ehemalige sozialdemokratische Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel lassen sich nicht lange bitten und fordern längere Arbeitszeiten, um den deutschen Wirtschaftsstandort auch in Krisenzeiten gegen die Konkurrenz abzusichern. Die Diskussionsveranstaltung nimmt die aktuellen Auseinandersetzungen zum Anlass, nach dem Stand der Kämpfe um Zeit zu fragen. Konkret wollen wir wissen, was es bedeutet, Arbeitszeitverkürzung zu fordern, mit welchen Widerständen zu rechnen ist, auf welche Erfahrungen und Strategien wir zurückgreifen können und welche solidarischen Perspektiven daraus erwachsen können.

Seit der Durchsetzung der 35 Stunden-Woche in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie spielte das Thema Arbeitszeitverkürzung lange Zeit keine Rolle mehr in gewerkschaftlichen Arbeitskämpfen. Unterdessen wurde das Kapital nicht müde, seinen Kampf um unsere Lebenszeit fortzusetzen: Verlängerung, Verdichtung, Entgrenzung und Flexibilisierung der Arbeitszeit kennzeichnen heute die Arbeitswelt; Zeitnotstand, massenhafte Überlastung und eine Krise der Reproduktion sind zu einer allgemeinen Erfahrung geworden. Seit einigen Jahren bewegt sich jedoch etwas bei den Gewerkschaften und Fragen der Arbeitszeit sind wieder zentraler Bestandteil von Tarifpolitik geworden. Fast alle großen Gewerkschaften haben neue Arbeitszeit- und Wahlmodelle auf den Weg gebracht, die mehr Freizeit anstelle von Lohnsteigerungen vorsehen. Europaweit kommt es immer öfter auch zu Forderungen nach einer 4-Tage-Woche und in mehreren Ländern ist sie bereits versuchsweise eingeführt worden.

Klar ist aber auch, dass in solidarischer Perspektive die Wochenarbeitszeit kollektiv für alle reduziert werden muss, und zwar bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Arbeitszeitverkürzung darf nicht zum Privileg von Besserverdienenden in einer hierarchisierten Arbeitswelt werden oder zu einer weiteren Verdichtung der Arbeit führen. Bislang jedoch gehen die Arbeitszeitmodelle der Gewerkschaften und nochmal mehr die Tarifergebnisse, die am Ende rauskommen, in aller Regel mit einer weiteren Verbetrieblichung und Individualisierung von Arbeitszeit einher. Statt zusammenzuführen, führt dies zur weiteren Spaltung der Belegschaften.

In der Podiumsdiskussion wollen wir uns mit den verschiedenen gesellschafts- und (betriebs-) politischen Herausforderungen einer radikalen Arbeitszeitverkürzung auseinandersetzen. Hierzu wollen wir Stimmen aus Wissenschaft, Gewerkschaft und Betrieb zusammenbringen und gemeinsam die Perspektiven und Problemlagen bei den Kämpfen um Zeit diskutieren.